Du bist befördert worden. Alle gratulieren. Und trotzdem ist da dieser Gedanke: „Bald merken sie, dass ich das eigentlich gar nicht kann.“ Du sitzt im Meeting mit den anderen Führungskräften und fragst dich, warum du dabei bist. Du triffst eine Entscheidung und zweifelst noch Tage später daran.
Wenn dir das bekannt vorkommt: Du bist nicht allein. Viele Menschen, die ich in ihrer ersten Führungsrolle begleite, kennen genau dieses Gefühl.
Was ist das Imposter-Syndrom?
Das Imposter-Syndrom, auf Deutsch auch Hochstapler-Syndrom, beschreibt das Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben und andere über die eigenen Fähigkeiten zu täuschen. Es ist keine Krankheit und keine Diagnose, sondern ein Denkmuster, das viele erfolgreiche Menschen kennen. Erfolge werden dem Glück oder anderen zugeschrieben, Fehler dagegen der eigenen Unfähigkeit. Beschrieben haben das Phänomen zuerst die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes 1978 in einer Studie.
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Warum es gerade neue Führungskräfte trifft
- Führung ist ein neues Feld. In deinem Fach warst du die Expertin oder der Experte. Als Leader fängst du in vielem wieder bei null an. Dieses Gefühl, etwas nicht zu können, kennst du vielleicht seit Jahren nicht mehr.
- Erfolg ist schwerer zu messen. Früher hast du gesehen, was du geschafft hast. Jetzt ist dein Erfolg der Erfolg deines Teams, und der ist oft weniger greifbar.
- Es gibt wenig Feedback. Im Startup sagt dir selten jemand, ob du gut führst. Ohne Rückmeldung füllt dein Kopf die Lücke, oft mit Zweifeln.
- Du führst Profis oder viele Juniors. Im Startup führst du oft entweder Menschen, die fachlich in ihrem Bereich besser sind als du, oder ein Team mit vielen Juniors, die viel von dir brauchen. Beides ist normal, kann sich aber anfühlen, als hättest du die Rolle nicht verdient oder wärst ihr nicht gewachsen.
- Die Erwartungen sind unklar. Wenn niemand genau gesagt hat, was gute Führung in deiner Rolle bedeutet, misst du dich an einem Ideal, das du nie erreichen kannst.
Woran du das Imposter-Syndrom im Führungsalltag erkennst
- Du bereitest dich übermäßig vor, aus Angst, eine Frage nicht beantworten zu können.
- Du machst Aufgaben lieber selbst, statt zu delegieren, weil du dich dort sicher fühlst.
- Du traust dich nicht, Entscheidungen zu treffen, oder holst ständig Bestätigung ein.
- Lob wehrst du ab: „Das war doch das Team.“
- Kleine Fehler beschäftigen dich tagelang.
Das Tückische: Viele dieser Verhaltensweisen machen es dir schwerer, wirklich in die Rolle zu wachsen. Wer alles selbst macht, lernt nicht zu führen.
Was wirklich hilft
1. Kläre, was von dir erwartet wird
Frag deine Führungskraft oder die Gründer konkret: Woran wird mein Erfolg in 3 und 6 Monaten gemessen? Was erwartest du von mir als Leader, und was nicht? Klare Erwartungen geben dir einen realistischen Maßstab statt eines unerreichbaren Ideals.
2. Akzeptiere, dass du die Rolle erst lernst
Niemand kann führen, bevor er es tut. Du darfst in der Rolle wachsen. Es hilft, das auch offen zu sagen, zum Beispiel deinem Team: „Das ist neu für mich, und ich will es gut machen. Sagt mir, was ihr braucht.“
3. Mach deine Erfolge sichtbar, vor allem für dich
Schreib dir jede Woche auf, was gut gelaufen ist: ein schwieriges Gespräch, das du geführt hast, eine Entscheidung, die funktioniert hat, ein Teammitglied, das gewachsen ist. Gerade als Leader sind deine Erfolge leise. Wenn du sie nicht festhältst, sieht sie niemand, auch du nicht.
4. Hol dir aktiv Feedback
Warte nicht darauf, dass jemand dir sagt, wie du führst. Frag in deinen 1:1s: „Was soll ich als Führungskraft mehr machen, was weniger?“ Echtes Feedback ist das beste Mittel gegen Zweifel, weil es die Gedankenspiralen durch Fakten ersetzt.
5. Gib Fachleuten Raum, ohne dich kleinzumachen
Deine Aufgabe ist nicht, die Beste im Fach zu sein, sondern dafür zu sorgen, dass dein Team gut arbeiten kann und Ziele erreicht werden. Mehr dazu, wie Führung im Startup funktioniert, steht in Vom Mitarbeiter zur Führungskraft im Startup: Die ersten 90 Tage.
6. Sprich mit jemandem darüber
Das Imposter-Syndrom wird stärker, wenn man allein damit ist. Ein Gespräch mit einer erfahrenen Führungskraft, einer Mentorin oder in einem Coaching hilft, die eigenen Gedanken zu sortieren und realistischer auf die eigene Leistung zu schauen.
Wenn die Zweifel dich dauerhaft belasten, du schlecht schläfst oder dich erschöpft fühlst, sprich bitte mit deiner Ärztin oder deinem Arzt oder mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten. Coaching ist dann nicht der richtige erste Schritt.
Du gehörst da hin
Dass du an dir zweifelst, heißt nicht, dass du falsch in der Rolle bist. Oft ist es eher ein Zeichen dafür, dass du die Verantwortung ernst nimmst. Die Frage ist nicht, ob du schon alles kannst, sondern ob du bereit bist zu lernen.
Woran andere Leader in ihrer ersten Führungsrolle mit mir gearbeitet haben, siehst du in meinen Leadership Stories. Und wenn du Gründer bist und überlegst, deinem neuen Teamlead Unterstützung zu geben: Startup Coaching für neue Führungskräfte: Wann es sich lohnt.
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Häufige Fragen
Was ist das Imposter-Syndrom?
Das Imposter-Syndrom oder Hochstapler-Syndrom ist das Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben und andere über die eigenen Fähigkeiten zu täuschen. Es ist keine Krankheit, sondern ein verbreitetes Denkmuster, gerade bei Menschen, die neue Verantwortung übernehmen.
Warum haben neue Führungskräfte oft das Imposter-Syndrom?
Weil Führung ein neues Feld ist, Erfolg schwerer messbar ist als im Fachjob, es wenig Feedback gibt und man im Startup oft Fachleute führt, die fachlich besser sind als man selbst.
Was hilft gegen das Imposter-Syndrom in der Führungsrolle?
Klare Erwartungen an die Rolle klären, eigene Erfolge bewusst festhalten, aktiv Feedback einholen und mit jemandem über die Zweifel sprechen, zum Beispiel in einem Coaching.
Ist es normal, sich als neue Führungskraft überfordert zu fühlen?
Ja. Fast alle neuen Führungskräfte erleben am Anfang Unsicherheit. Wichtig ist, die Rolle aktiv zu lernen, statt sich in alte Fachaufgaben zurückzuziehen.
Kann Coaching beim Imposter-Syndrom helfen?
Ja, wenn es um Zweifel in der neuen Rolle geht. Im Coaching sortierst du deine Gedanken, klärst deine Erwartungen und übst konkrete Führungssituationen. Bei dauerhafter Erschöpfung oder starker Belastung ist ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung der richtige Weg.